Sonntag, 28. Juni 2009

Unvorgesehene Merkwürdigkeiten

Rund um den "Wasserschaden" im Tiefdepot der Wiener Albertina vor wenigen Tagen tauchen kuriose Begebenheiten, oder zumindest kuriose Berichte, ans Tageslicht.

So schreibt der ORF vermutlich heute (ORF Online-Artikel sind in der Regel undatiert, Ausnahme: futurezone):
Nur durch ausgesprochenes "Glück im Unglück" und nicht näher ausgeführte "bauliche Merkwürdigkeiten", die an sich gar nicht vorgesehen waren, entgingen die Kunstschätze einer gravierenden Beschädigung, gab am Samstag eine Sprecherin des Museums zu. Brauchte man sich über etwaige bisherige Merkwürdigkeiten in und unter der Albertina also bisher nicht groß Sorgen machen, da sie ja vorgesehen waren, so muss einem nun doch Angst und Bange werden, stößt man plötzlich auf unvorgesehene Merkwürdigkeiten.

Robot Rock

Was einen realistisch, verantwortungsvoll denkenden Menschen bereits bei den Berichten in den letzten Tagen merkwürdig (ob vorgesehen oder nicht) vorgekommen sein muss, bemerkt auch ORF online: Das Depot ist für Menschen nur im Ausnahmefall zugänglich, die Entnahme und Einlagerung erfolgt durch Robotersysteme. Mit dem nun eingetretenen Fall - die Systeme waren durch den Wassereinbruch außer Gefecht gesetzt - hatte man offenbar nicht gerechnet. Die angeblich teuerste Kunstsammlung Europas (so diverse Medienberichte) wurde also getrost in die "Hände" eines Computersystems, das mit Robotern agiert gelegt: Und zwar so, dass der Mensch da nur im Ausnahmefall (immerhin wurde dran gedacht, dass Roboter manchmal auch gepflegt werden müssen) hinein kann (wahrscheinlich durch eine kleine Luke am Albertinaplatz, für die man den Z-Schlüssel braucht). Das nenn ich mal vorbildliches Vertrauen in die Technik! Das selbe Vertrauen hat auch Air France dazu bewogen, zwei der drei Geschwindigkeitsmesser bei Airbus-Maschinen nicht zu reparieren oder auszutauschen. Wozu denn auch, so lang einer noch funktioniert?

Ansonsten könnte sich die Albertina aber ruhig ein Vorbild an modernen Flugzeugen nehmen: Kaum ein Instrument oder eine Funktion, die nicht mindestens zwei Mal vorhanden ist bzw. auf zwei verschiedene Weisen bedient werden kann. Selbst ein Flugzeug, ein Meisterwerk der Technik, sieht also Vorrichtungen vor, die eine bestmögliche Steuerung des Flugzeugs auch im Falle eines Ausfalls von Teilen oder der gesamten Bordelektronik ermöglicht bzw. ermöglichen soll.

Aber die Albertina hat ihre Roboter vermutlich von einem Erfinder, der glaubhaft versichern konnte, dass die Roboter immer, bis in die Unendlichkeit, funktionieren würden. Es sei denn, sie werden nass. Aber wie sollen Roboter in einem "absolut wasserdichten" Kunstdepot nass werden?

Offenbar hat diese Naivität das Schicksal regelrecht herausgefordert. Es musste also etwas geschehen, damit die Verantwortlichen nun "plötzlich" zur Einsicht gelangen: Wie die Albertina-Sprecherin gegenüber der APA erklärte, habe sich aus der Sicht des Museums erst jetzt "herausgestellt", dass das "Fehlen jeder baulichen Voraussetzung", um das Depot schnell händisch räumen zu können, ein "gravierender Mangel" sei. Das "Fehlen jeder baulichen Voraussetzung, um das Depot schnell händisch räumen zu können" - ich sags ja: Der einzige Zugang für Menschen ist wohl ein (vermeintlicher) Kanaldeckel am Albertinaplatz.

Bombensicherer Karton

Auch bei folgender Feststellung von ORF online erinnert man sich sofort schmerzhaft an jene auch im Fernsehen ausgestrahlten Bilder, wo Albertina-Chef Schröder den Feldhasen aus einer von Wasserflecken strotzenden Kartonpackung nimmt: Man dürfte darauf vertraut haben, dass das Depot unter allen nur denkbaren Umständen sicher und funktionstüchtig sein würde: Selbst die wertvollsten Kunstschätze der Albertina waren in einfachen Kartons untergebracht, und nicht etwa in speziell gesicherten Kassetten. "unter allen nur denkbaren Umständen" - besonders viel Fantasie haben die Master-Minds des Kunst-Tiefspeichers bei den Überlegungen, welche Umstände im Laufe der Jahrzehnte eintreten könnten, nicht bewiesen. Angefangen vom naheliegendsten: Einem Wasserschaden. Aber der Bunker ist ja "absolut wasserdicht" - aber halt auch nur so wasserdicht, wie die Titanic unsinkbar ist. Mit Absolutismen sollte man immer vorsichtig umgehen.

Alles klar?

Und wo kommt jetzt das Wasser her? Was für eine "Merkwürdigkeit" hat 2.100 Liter Wasser in den Kunstspeicher der Albertina eindringen lassen? Der Speicher soll ja eine etwa 60 Zentimeter dicke Isolierschicht haben, die ein Eindringen von Wasser verhindern soll. Da stellt sich die Frage: Aus was für einem Material soll die Isolierschicht sein, dass sie 60 Zentimeter dick sein muss, um Wasser am Eindringen zu hindern? Zusammengeschweißte Metallplatten dürften es wohl kaum sein, da würde man mit einem Zentimeter wohl schon bestens auskommen. Da der Speicher 2005 errichtet wurde und bei einem heftigen Regenfall 2009 nun plötzlich 2.100 Litern Wasser nachgegeben hat, ist meine Vermutung: Es handelt sich bei dieser Isolierschicht um einen riesigen, den ganzen Speicher umfassenden, 60 Zentimeter dicken Schwamm.

Freitag, 26. Juni 2009

Österreich darf nicht Polen werden!

Kronen Zeitungs-Herausgeber Hans Dichand, der Mann, den die beiden ehemaligen Großparteien für den Nachfolger des Kaisers halten, hat verkündet, er wünsche sich die beiden Cousins Josef und Erwin Pröll, derzeit Landeshauptmann von Niederösterreich (ersterer) bzw. Vizekanzler und Finanzminister (als studierter Agro-Ökonom in der Kapitalismuskrise!) als neuen Bundespräsidenten (ersteren) bzw. Bundeskanzler (zweiteren). Österreich, das sich bisher im internationalen Vergleich wenigstens noch rühmen könnte, keine klerikal-absolutistischen Teletubbies (Polen) oder einen chauvinistischen Macho-Medienmogul (Italien) an der Staatsspitze zu haben, rückt, wenn Kaiser Dichands, der passenderweise in der "Krone" publiziert, Wünsche in Erfüllung gehen, in diesem "Die verrücktesten demokratisch gewählten Regierungen Europas"-Ranking weiter nach vorne rücken.

Die Demokratie scheint sich in großen Schritten ihrem Untergang anzunähern. Wähler, die keine Lust oder geistige Fähigkeit aufbringen können und wollen, sich mit Politik auseinanderzusetzen, und Politiker, die dies erkannt haben und statt auf Politik nur noch auf (Eigen-)PR und (Eigen-)Marketing konzentriert sind, treiben diese Entwicklung voran. Wenn ein Land Glück hat, "wurschtelt" die Regierung wenigstens irgendwie dahin, um den Staat am Leben zu erhalten bzw. seinen Untergang (Staatsverschuldung!) weiter hinauszuzögern, am besten so lange, bis man eben diesen selbst nicht mehr erleben muss.

Nun zeichnet sich am Beispiel von Ländern wie Frankreich, Polen oder Italien ab, dass zu dieser in Österreich bereits bestens bekannten, gerade geschilderten Entwicklung, noch eine weitere, die Demokratiezerstörung beschleunigende, Entwicklung dazukommt: Jene des absolutistischen Staatsmachos, der die Medien kontrolliert, mit schönen Frauen jongliert, "starke Sprüche" von sich gibt, und seinen Rückhalt in der Bevölkerung scheinbar allein dadurch sichern kann, dass ihm die reichweitenstärksten Medien wohlgesinnt sind und sein Image als "Super-Macho", auf den alle "wahren Männer" hochblicken, und den viele Frauen offenbar ob seiner "unwiderstehlichen Ausstrahlung" ebenso vergöttern, pflegt und absichert.

Doch noch ein drittes Phänomen, das wir aus Österreich kennen, nun aber auch in Italien und anderswo beobachten können, und vermutlich auch gar nicht so neu ist, aber mir erst kürzlich so richtig bewusst geworden ist, trifft auf solche demokratisch gewählten Anti-Demokraten zu: Jede Kritik an ihnen ist "Hetze", bevorzugt "links-linke" oder "linksextreme", wobei diese Attribute sicher beliebig austauschbar wären. Sie eignen sich jenes Vokabular an, das die Linke bisher stets zur Verteidigung der Menschenrechte und im antifaschistischen Sinn angewandt hat: Nämlich, dass die Rechten Ausländer, Minderheiten, Juden, Zigeuner usw. "verhetzen", sie "verfolgen", "diskriminieren", "diffamieren" usw. Eben diese Vokabeln werden nun gegen die Linke und die kritische Presse verwendet, wenn diese die Rechte kritisieren. Die Linke wird dadurch um ihr Vokabular gebracht, ihre Ansichten, Meinungen, Argumente werden der wenig denkenden breiten Massenmedien-Masse zur "Ansichtssache" verdreht, so, als ob es bloß eine Meinungsverschiedenheit zwischen links und rechts sei, und keine menschenrechtliche Grundsatzangelegenheit. Denn wenn die Rechten behaupten, sie würden gehetzt und diffamiert, und die Linken sagen, die Rechte hetzt gegen Ausländer und Kritiker, verlieren die Worte insgesamt an Bedeutung und Aussagekraft. Die wahren Hintergründe verschwimmen, das Stimmvieh zieht sich aus diesen Diskursen zurück, das Image gewinnt an Bedeutung. Hier scheinen rechte Anti-Demokraten, die zwar demokratisch gewählt werden, dann aber nicht zögern, die Demokratie zu demontieren, wenn sie ihnen zuwiderlaufende Handlungen setzt, den längeren Atem zu haben.

Was bedeutet das für Österreich? Nun, zuerst mal Machthaber nach polnischem Vorbild:
1.) Josef und Erwin Pröll geben die katholisch-konservativen österreichischen Kaczyinskys

Da weder Josef noch Erwin Pröll als mit Frauen oder Medien jonglierende Super-Machos bezeichnet werden können, und wohl auch nicht mehr zu solchen avancieren werden (es sei denn, Josef heiratet nun ein Supermodel und Popstar und Erwin gelangt in den Besitz des Styria-Verlages), dürften die anderen Attribute, wie man sie von Sarkozy und Berlusconi kennt, eher auf den Typ einen HC Strache passen. Dieser hat zwar keine Kontrolle über die Medien, doch weiß er sehr gut, wie er sich mediale Aufmerksamkeit schafft und nutzt. Mit Frauen jongliert er zwar auch nicht gerade, aber Ansätze in diese Richtung sind in Wahlwerbekampagnen und bei Wahlveranstaltungen durchaus zu erkennen, wo, nach Vorbild der "Krone-Girls", immer wieder mal "Strache-Girls" einspringen. Vor allem das Vokabular, dass Kritik an ihm Hetze und Diskriminierung sei, beherrscht er vortrefflich, ja fast schon zu offensichtlich.

Strache als Bürgermeister von Wien? Da wage ich mir gar nicht vorzustellen, was das bedeuten würde. Bislang scheint mir in diesem Fall nur eines klar: Alles, was irgendwie mit Ausländern zu tun hat und von der Stadt (mit-)finanziert wird, wird unter Strache sicher gestrichen - von Integrationsprojekten, Kunst- und Kulturveranstaltungen mit "nicht-christlich-österreichischer" Beteiligung, Multi-Kulti-Festen bis zu "nicht-christlich-österreichischen" Teilnehmern auf Bühnen auf Stadtfesten und Donauinselfest, sowie kritische Kunstformen wie Theater, Kabarett, Musik und Film - da würde Strache jene Millionen einsparen, die er für Freibier und -würstel bei seinen wöchentlichen Zeltfesten in Wien benötigen wird, für "christlich-österreichische" Nachwuchsförderung verteilen wird oder als Inflations-Abgeltung oder Konjunktur-Belebungs-Hunderter zur Hebung seiner Popularität ab und zu verteilen wird (natürlich nur an christliche Österreicher mit entsprechendem Abstammungsnachweis). Das wäre die Strache-Regierung in Wien... zumindest ein paar Aspekte davon. Auf diese Weise würde sich Strache seine Popularität bei jenen, die ihn gewählt haben, und wohl noch einigen mehr, sichern und ausbauen. Was er sonst macht oder nicht macht ist dann ohnehin schon wurscht, das interessiert niemanden seiner Wähler, solange auch irgendwas "gegen die Ausländer" gemacht wird. Vermutlich würden alle Ausländer dann aus Gemeindebauten verbannt. Wohin? Auf die Straße? Entstehen dann Ghettos? Werden sie deportiert? Wohin? Nein, jetzt wirds wirklich schirch, da will ich nicht mehr weiter denken... Hoffen wir, dass es nie so weit kommt, dass ein Strache in Wien an die Regierung kommt. Und zwar im Interesse aller in Österreich bzw. Wien lebender Menschen, denn außer Ausländerfeindlichkeit hat die FPÖ nichts zu bieten. Alle anderen Behauptungen sind unrealistisch und/oder unfinanzierbar, oder nur vorübergehend auf mittel- bis langfristig gewiss katastrophale Folgen habenden Wegen zu erreichen. Also Verkauf von Stadteigentum, Streichung von jeglichen Subventionen für Kunst- und Kultur und dergleichen.

Doch so weit wird es nicht kommen. Wien hat sich geändert, Wien ist anders. Es gibt eine Mehrheit gegen Rechts, davon bin ich überzeugt. In manchen Bezirken vielleicht nicht, aber insgesamt. Waren die Unis früher vom rechten Gedankengut und Burschenschaftern geprägt, so sind dies heute linke Hochburgen. Auch Intelektuelle, viele Bürger, ein Gutteil des Mittelstandes neigt heute eher zu links der Mitte, denn nach Rechts. Für eine Mehrheit in Wien oder gar Österreich wird es für die FPÖ oder das BZÖ also in absehbarer Zeit nicht reichen. Und außerdem sieht man ja: Kaum tritt ein Populist auf, der den Menschen Populismus ohne Rassismus bietet, verliert die Rechte schon die Hälfte ihrer Wähler. So geschehen bei der EU-Wahl. So dumm es auch ist, die Rechte aufgrund von Politikverdruss und Anfälligkeit für Populismus zu wählen, obwohl sie für gesellschaftszerstörende Politik des gegeneinander aufbringens von Volksgruppen eintritt, so zeigt sich aber auch, dass dies für einen Großteil der Rechts-Wähler nicht der Grund ist, diese Parteien zu wählen. Hoffen wir, dass ihnen bald eine Alternative zur Verfügung steht, um die Rechts-Parteien wieder in größere Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen.

Freitag, 19. Juni 2009

Film-Postings in neuen Film-Blog ausgelagert

Habe nun die bisherigen drei Film-bezogenen Berichte auf den neu gegründeten Ableger dieses Blogs, filmgesoes.blogspot.com, ausgelagert. Alle film-bezogenen Postings von mir werden ab nun dort erscheinen.

Freitag, 15. Mai 2009

Nachtrag zum Demo-Bericht

Mittlerweile, einen Tag später, sind auf Youtube zwei Videos aufgetaucht, die ich hier separat posten möchte, da sie im langen Bildbericht von gestern sonst untergehen:

1) "Nazis raus" von "AUGEIUG", gepostet am 15.5. um etwa 16:20 Uhr; geschnittenes, 6:01 min langes Video, das einen Überblick über die Demo zu geben versucht: --> "Nazis raus!"
2) "HC Strache Demo Wien 14.Mai 2009" von "miegefliege", gepostet am 15.5. um etwa 11 Uhr; 1:27 min langes, ungeschnittenes Handyvideo, das eine Schlägerei zwischen einer größeren Gruppe von Linken und einigen Rechten vor dem Lokal "Zur Wickenburg" in der Florianigasse zeigt; offenbar die Vorgeschichte zu den Verhaftungen, die weiter unten dokumentiert sind; --> ""Schwarzer Block und Barbesitzer""
3) Aufnahme der Verhaftungen neben dem Rathaus, gepostet am 15.5.09 --> "polizeiaggression 14 05 09"

Donnerstag, 14. Mai 2009

14. Mai 2009 - Anti-Moschee-Demo und Gegendemo in Wien

Für den 14. Mai 2009 rief die "Initiative Dammstraße", angeblich eine Bürgerinitative von Bewohnern jener Straße in Brigittenau, in der ein islamisches Gemeindezentrum vergrößert werden soll, zur Demo auf. Angeblich "sorgen" sie sich darum, dass durch die Ausbaupläne Lärm und Verkehr die Wohnqualität beeinträchtigen. Dass ihnen aber vor allem die Präsenz der vielen Moslems in der Straße ein Dorn im Auge ist, würde wohl kaum jemand bestreiten oder bezweifeln. Soweit die an sich lokale Angelegenheit. Doch mit der Unterstützung durch die FPÖ - Heinz-Christian Strache persönlich tritt als vehementer Unterstützer dieser Initiatve auf - hat das ganze längst, wenn nicht von Anfang an, einen sehr rechten, ausländerfeindlichen Anstrich bekommen - häufig kombiniert mit Anti-SPÖ-Agitation, die der "Verausländerung" von Wien oder gar der Beherrschung durch "Islamisten" beschuldigt wird. Es geht hier also eindeutig auch um FPÖ-Wahlpropaganda, die in Form massiv fremdenfeindlicher Parolen ausgetragen wird.

Alles weitere über die Anlässe und Hintergründe lassen sich in zahlreichen Medien, oder direkt auf der Webseite der Moschee-Gegner, http://www.moschee-ade.at, nachlesen. Die Initiative schreibt auf der Webseite übrigens, dass sie "zur freien Religionsausübung in Österreich" stehe, doch "wo Integration zur Invasion und das Angebot der Teilnahme an unserer Gemeinschaft zu deren Übernahme führt, muss Toleranz aus Gründen des Selbstschutzes enden." Und schließlich: "Wir fordern: Einen Standortwechsel". Also geht es bloß darum, dass die "Moschee" (ein vierstöckiges Gebäude, vergleichbar einem Innenstadt-Bürogebäude, bloß dass es von einem türkisch-muslimischen Verein genutzt wird) doch bitteschön wo anders gebaut werden soll? Ja und Nein. Ja insofern, dass mit "wo anders" nur ein Gebiet in Frage kommen kann, das 1.) nicht "dicht verbaut" ist, 2.) in keiner "verkehrsberuhigten Wohnzone" liegt und 3.) wo es zu keinen "vorhersehbaren Konflikten und Spannungen zwischen einer Religionsgemeinschaft und BürgerInnen" führen kann. Also "auf gut deutsch": nicht in Wien. Denn bei Wienern wie jenen in dieser Bürgeriniative wird es wohl überall zu "vorhersehbaren Konflikten und Spannungen" kommen, vor allem wenn die FPÖ noch ordentlich aufheizt. Und nein, es geht nicht bloß um einen Standortwechsel, wenn man sich die Transparente und die Parolen der Demonstranten und Demonstrantinnen ansieht und anhört:

- Wo der Halbmond aufgeht, geht das goldene Wienerherz unter!

- Islamisten regieren die Wiener Sozialisten

...und immer wieder "HC Strache"-Rufe. Außerdem, etwas kurios, fordert man mit einer Unterschrift auf der Unterschriftenliste der Initiative auch "keine Ausnahmeregelungen in der Bauordnung Wien für Bauten, die religiösen, kulturellen oder sozialen Zwecken dienen." Also sollte die Caritas mal eine neue Suppenküche in einer Gegend, in der in der Bauordnung keine Suppenküche vorgesehen ist, bauen wollen - nicht mit der Initiative Dammstraße! Eine neue Bühne zur Förderung des alpenländischen Volkstanzes? - nicht mit der Initiative Dammstraße! Und gut dass schon alle Kirchen gebaut sind - denn die wären sonst auch unmöglich zu bauen, beanspruchen sie doch gigantische Plätze in ansonsten "dicht verbauten" Wohngebieten, führen zu Verkehr und Lärm (das ständige Glockengeläut, immergleiche, nervige Choräle!) und Konflikten zwischen religiösen und weniger religiösen Parkplatzsündern vor der Kirche. Diese Wiener wollen halt einfach nur ihre Ruh'. Denn, wie schon Armin Berg wusste: "um glücklich zu sein" braucht der Wiener "nur Ruhe, denn Ruhe ist schön" (ein Armin Berg, der aufgrund seines Judentums allerdings um seine Ruhe in Wien gebracht wurde). Am liebsten wären ihnen wohl Wohnblocks am Stadtrand, ohne jegliche Infrastruktur - aber "leider" hat nicht jeder das "Glück", so zu leben. Man müsste wohl mal eine Initiative gründen, die den Wohnungstausch zwischen abgelegenen Vorstadtwohnblöcken und Innenstadtwohnungen à la Dammstraße in Brigittenau anbietet.

Die Demo

Nun zur Demo: Laut Medien wie dem ORF sollen etwa 700 Demonstranten und Demonstrantinnen an der Demo der Initiative Dammstraße teilgenommen haben. Ich hab mich aber eine Weile auch darunter geschlichen, bzw. hatte ich von der Freyung einmal einen guten Überblick auf die ganze Gruppe, als sie - laut Medien wegen einer Blockade durch die Grünen - eine Weile lang stehen bleiben musste. Das ganze sah dann so aus:



Ein kleiner Teil der Gruppe ist zwar wegen der Mauer zu sehen, doch sind dies maximal 30 Personen, inklusive der in blauen Regenumhängen gekleideten Ordner, wie man auf diesem Bild, das das Ende der Gruppe zeigt, und das ich sogar ein paar Sekunden vor dem obigen Bild geknippst hab:



Wenn man all diese Leute zählt kommt man bestenfalls auf 300 Personen. Und man muss wissen, dass die gesamte Route der Demo vom Ballhausplatz bis zum Rathaus von der Polizei nahezu hermetisch abgeriegelt war.



Bei den Szenen zwischen Parlament und Rathaus, bei denen es zu "kleinen Scharmützeln" (ORF-ZIB) mit Grünen und anderen Gegendemonstranten, die sich beim Burgtheater versammelt hatten, kam, waren es also nicht mehr Demonstranten - es waren lediglich 30 bis 50 Gegendemonstranten sowie zahlreiche Journalisten mehr vor Ort.

Gegendemo

Die Gegendemo fand vor dem Parlament statt. An ihr waren meines Erachtens nach wesentlich mehr Teilnehmer (und -innen!), nämlich an die 1000. Wobei dies noch nicht alle Gegendemonstranten waren, denn laut indymedia.at haben sich vor der Universität noch einige Autonome versammelt (das erklärt dann auch, warum auf der anderen Seite des Rathauses einige Verhaftungen statt fanden, doch dazu später).

Hier also ein Ausschnitt der Demo vor dem Parlament - eine Gesamtansicht habe ich leider nicht, da es keinen geeigneten Standort gab, von wo aus ich die ganze Demo überblicken hätte können (das Parlament war ja abgeriegelt):



Im Gegensatz zur rechten Demo war die Gegendemo auch nicht hermetisch abgeriegelt und es stießen immer wieder neue Demonstranten dazu. Bei der Schlussversammlung in der Landesgerichtsstraße waren dann letztlich an die 2000 Demonstranten zu zählen:





Weitere ausgewählte Fotos, chronologisch

16:57 Uhr, Dr.-Karl-Lueger-Ring:


17:12 Uhr, Dr.-Karl-Renner-Ring:


17:35 Uhr, der Demozug hat sich vom Ballhausplatz über den Minoritenplatz Richtung Teinfaltstraße in Bewegung gesetzt - alle Zugangsstraßen sind abgesperrt, nur Personen, die glaubhaft machen konnten, mitdemonstrieren zu wollen, wurden vorbeigelassen:


17:41 Uhr, der Demonstrationszug steht in der Teinfaltstraße: für einige Minuten geht nix weiter:


17:42 Uhr:


17:54, die Demo zieht den Dr.-Karl-Lueger-Ring entlang am Rathauspark vorbei - hinten dran: eine Kolonne Polizei-Kleinbusse - und dahinter: die 48er - irgendwer muss den rechten Müll, der da tonnenweise abgelassen wird, ja wieder wegräumen:



17:58 Uhr: Während die Demo den Lueger-Ring entlang zieht, gesellen sich vom Burgtheater her kommend immer mehr Gegendemonstranten, vor allem solche mit "Grüne"-Leibchen, zu den Anti-Moschee-Demonstranten. Einige Antifaschisten beginnen "Nazis raus" zu schreien, einige suchen den Kontakt mit der Gruppe, um ihnen aus möglichst geringer Nähe "Nazis raus" ins Gesicht zu schrein. Die Polizei versucht relativ erfolgreich, die beiden Gruppen auseinanderzuhalten. Es bleibt aber ohnehin bei Wortgefechten, niemand, von keiner Seite, versucht Gewalt auszuüben:







17:59 Uhr: Die Demo ist fast am Ziel. Über die Stadiongasse nähert sie sich der Rückseite des Rathauses, dem Schmidt-Platz. Eine Gruppe von 30 bis 50 Gegendemonstranten begleitet sie, teils Anti-Nazi-Parolen schreiend:



18:07 Uhr: Rechte und linke Demonstranten werden in der Rathausstraße getrennt - die Polizei riegelt die Rathausstraße ab. Zwei Straßen weiter dürfte bereits eine Gruppe linker Demonstranten versucht haben, über die Florianigasse zum Rathaus zu kommen. Jedenfalls ist eine Polizeieinheit zu sehen, die in diese Richtung unterwegs ist:



18:08 Uhr: Auf der Landesgerichtsstraße trifft allmählich der große Gegendemonstrationszug, der vom Parlament aus über die Auerspergstraße gezogen sein dürfte, ein, und versammelt sich vor der Polizeiabsperrung, die vor der U2-Station Rathaus errichtet wurde:



18:31 Uhr (aktualisiert am 15. Mai, 22 Uhr 15): In der Florianigasse kam es mittlerweile zu mehreren Verhaftungen, offenbar da es zuvor eine Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von Linken, die die Florianigasse entlang gingen, und Rechten, die offenbar aus dem Gasthaus "Zur Wickenburg" kamen, gegeben hat (siehe dieses Video, das am 15. Mai auf youtube gepostet wurde: "HC Strache Demo Wien 14.Mai 2009 - Schwarzer Block und Barbesitzer"). Als ich die Florianigasse erreiche, werden etwa zwei oder drei Jugendliche von der Polizei festgehalten und um 18:35 Uhr abgeführt:





18:42 Uhr: In der Grillparzerstraße/ Ecke Ebendorferstraße werden etwa 20 Jugendliche mit den Händen und gespreiten Beinen an die Hauswände in den beiden Straßen gestellt (je etwa 10 in den beiden Straßen), wohl um ihre Personalien aufzunehmen. Selbiges wird nämlich auch mir und den übrigen Personen, die sich in der Nähe befinden, von einer aufgeregten Polizistin angedroht, die die gesamte Gegend kurzerhand zur Sperrzone erklärt und mich innerhalb eines einzigen Satzes zwei mal verwarnt und eine "Personalienaufnahme" androht:



Nach einer Weile kommt aus der Ebendorferstraße eine weitere Gruppe von Polizisten mit etwa 10 weiteren Jugendlichen im Schlepptau. Insgesamt wurden also etwa 30 Jugendliche, vermutlich linke Gegendemonstranten, vermutlich vom Treffpunkt Universität aus kommend (da auf der anderen, nördlichen Seite des Rathauses - Florianigasse, Ebendorferstraße, Grillparzerstraße), vorübergehend festgehalten, oder wie auch immer das im Fachjargon bezeichnet wird. Ob sie tatsächlich auch aufs Revier mitgenommen wurden, also quasi festgenommen wurden, ist mir nicht bekannt. Bei einigen ist dies jedoch anzunehmen, wie etwa bei jenen aus der Florianigasse, die um 18.35 Uhr abgeführt wurden. Gegen 19 Uhr lösten sich die Demos relativ rasch auf. Weitere Zwischenfälle sind mir nicht bekannt.

Update, 15. Mai:

Was sagt Strache?

Die Rede Straches hab' ich leider nicht mitverfolgen können, da sie sehr exklusiv für die etwa 300 Dammstraße-Aktivisten gehalten wurde. Allerdings hat ein Reporter des Wiener Radios "Orange" Herrn Strache vors Mikrofon bekommen und ihn zur Demo befragt, eine kleine Kostprobe:

Reporter: Es wird dieser Demonstration von vielen Seiten vorgeworfen, dass hier die extreme Rechte marschiert, was sagen Sie dazu?

Strache (Wort für Wort original zitiert! Kein "auch" wurde gestrichen, der Satzbau wurde nicht verändert.): Das ist eine unglaublich skandalöse Hetzkampagne, die von der Präpotenz auch dieser Stadtregierung zeigt [sic], denn hier hat ja die SPÖ auch mit ihrer absoluten Mehrheit und ihrer Präpotenz und Arroganz, geht her und diffamiert und denunziert mit einer Hetzkampagne im Vorfeld diese berechtigten Bürgeranliegen einer friedlichen Bürgerinitiative, einer demokratischen [Stimme überschlägt sich schon fast] Bürgerinitiative, einer Bürgerinitiative, wo Bürger mit Zivilcourage vorhanden sind, aber kein linker oder rechter Spinner, sondern aunständige, freiheitsbewusste Menschen, die von ihrem Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit auch Gebrauch machen und ihre berechtigten Anliegen zum Ausdruck bringen, wo die SPÖ die Bürger einfach verraten hat... [usw... SPÖ ist böse bla bla bla...]


Was Herr Strache eigentlich sagen wollte (die Anti-SPÖ-Propaganda mal ausgeklammert): Hier macht eine friedliebende, demokratische Bürgerinitiative, wo Bürger berechtigte Bürgeranliegen mit Zivilcourage anständig und freiheitsbewusst vorbringen, von ihrem Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit Gebrauch. Aber die SPÖ diffamiert und denunziert die ja so schrecklich, ja eine regelrechte Menschenjagd auf anständige Bürger wird hier betrieben! ...

Und wieder einmal polt Herr Strache die tatsächlichen Verhältnisse durch Ausklammerung wesentlicher Elemente komplett um und bildet eine Scheinrealität, eine fake reality, in der ausländerfeindliche, antisemitische und antimuslimische, teils neonazistische Personen zu einer verfolgten Minderheit friedliebender "Gutmenschen" stilisiert werden. All jenen, denen das nicht ohnehin bewusst ist und aktiv an dieser Form der Menschentäuschung mitwirken, wird dadurch komplett der Kopf verdreht.

Opfer sind tatsächlich in konkreten Punkten, nicht zwangsläufig xenophobe, besorgte "Bürger", wie sie sicher auch in der Initiative Dammstraße vorkommen, deren Anliegen aber gar nicht als Nachbarschaftsprobleme wahrgenommen werden können, da bereits viel zu viel politische Interessen damit verknüpft wurden. Das ganze wurde zu einem Kampf zwischen Christentum und Islam erklärt, zwischen "Heimat" oder "Fremde", zwischen "wir" oder "sie". Die eigentlichen Anliegen, Bedenken wegen Lärm und Verkehr und über Probleme im nachbarschaftlichen Zusammenleben, spielen darin längst keine wirkliche Rolle mehr. Sie wurden durch rassistische Aufladung seitens professioneller "Volksverdreher" zu einem Kampf ums Überleben erklärt, aus dem es kein Hinaus mehr gibt: Alles oder nichts, jetzt oder nie, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie - und das sind viele; aber zusammen sind "wir" stark. "Wir" müssen zusammenhalten. "Wir" gegen sie.

Das nehmen die Mitglieder der Initiative womöglich gar nicht so extrem wahr, aber die Menschen im übrigen Wien, im übrigen Österreich, bekommen das so mit, ja sie kriegen es so durch die FPÖ und andere rechte Organisation vermittelt - die FPÖ-Plakate und die politische Linie sind wohl jedem bekannt. Die Wortwahl ist hier wesentlich unvorsichtiger als etwa auf der Webseite der Moschee-Gegner. Die Initiative wird dadurch als "Beweis" für die Wahlsprüche der FPÖ missbraucht: "Abendland in Christenhand" droht unterzugehen - Wien wird Istanbul! Eine Angst, die offenbar viele nur allzu ernst nehmen. Und im Sinne dieser Angst, sind all jene, die gegen "Fremde", gegen Ausländer, gegen Andersreligiöse vorgehen, die Verteidiger des Volkes, des Landes, der Demokratie, der Freiheit, des Christentums - einfach von allem, was landläufig als gut angesehen wird. Die Wortwahl Straches, der FPÖ und einer rhetorisch gebildeten Rechten, zeigt dies deutlich:

Aus Menschenjägern, nämlich Neonazis, die sich durchaus in der für rechte Zwecke instrumentalisierten Demo befanden, aber von Herrn Strache offenbar nicht zu den "rechten Spinnern" gezählt werden, werden Opfer einer Menschenjagd ("Hetzkampagne"). Attackiert man rechte Aufmärsche und Agitation, so wehren sich diese Rechten mit denselben Worten, die die Linken ihnen sonst immer als ihre Eigenschaften zuschreiben: Aus Diffamierung und Denunziation durch die Rechten wird Diffamierung und Denunziation gegen die Rechten. Aus all jenen, die gegen Neonazismus und Rassismus eintreten - typische Merkmale faschistischer, bzw. nationalsozialistischer Diktaturen, werden plötzlich Demokratiefeinde. Und wenn die Linken Zivilcourage fordern, um gegen die Rechten vorzugehen, so erklären sich die Rechten kurzerhand selber zu Bürgern mit Zivilcourage. Und schnurstracks wird aus einer Partei und ihren Anhängern, die sich mit Parolen wie "Abendland in Christenhand" und "Wien darf nicht Istanbul werden" identifiziert, das Opfer einer "Hetzkampagne". Merkwürdig wie sich die selben Begriffe auf beiden Seiten in vollkommen entgegengesetztem Sinn wiederfinden und von den Rechten bewusst herausgegriffen und in ihrer Bedeutung umgepolt werden.

Das ganze Interview mit Herrn Strache von Radio Orange gibts ürigens unter diesem Link zu hören - als Stream oder Download.
 
blank info