Freitag, 23. September 2011

Zürich blickt drittem Krawall-Wochenende entgegen

[letztes Update: 24.9. (Fotos, Links)]
Nach zwei Krawall-Wochenenden, die am Schluss nur noch wenig mit der eigentlichen Idee eines RTS ("Reclaim the Streets", unangemeldeter Party-Umzug im öffentlichen urbanen Raum) zu tun hatten, blickt die ganze Stadt nun gespannt dem dritten Wochenende nach Ausbruch der Jugendunruhen (wohl die passendere Bezeichnung) entgegen.

Ich befinde mich mittlerweile vor Ort in Zürich und habe bereits mit einigen Augenzeugen bzw. Anwesenden der Krawalle gesprochen. Hierbei wird eine immer größere Diskrepanz zur Medienberichterstattung, Politik- und Polizeipropaganda offensichtlich. Während Politik, Polizei und Medien überwiegend "Hooligans" und "Linksautonomen" die Schuld an den Krawallen zuschieben - zugegeben mit einem gewissen Vorbehalt, so hat etwa der Tages-Anzeiger zu seinem "Erstaunen" festgestellt, dass letzten Samstag "kein schwarzer Block" an den Unruhen zu sehen war - zeichnet sich nach Angaben von Anwesenden und Augenzeugen ein ganz anderes Bild.

Nach aktuellem Stand der Nachforschungen dürfte die erste Party am Bellevue, zu der am Samstag den 10. September 1.000 bis 2.000 Menschen erschienen, noch tatsächlich in direkter Verbindung zur polizeilichen Auflösung illegaler Partys in und um Zürich in den Wochen davor gestanden sein. Es gab Musik und DJs, nach Provokationen von beiden Seiten eskalierte die Lage, kaum jemand wusste, was vor sich geht, und einige begannen zu randalieren, während der Rest zuschaute oder abhaute.

mit diesen schweren Betonstücken wurde vom Hirschengraben aus der am Central positionierte Wasserwerfer aus knapp 10 Metern Höhe beworfen - das gepanzerte Fahrzeug blieb laut Augenzeugen unbeschädigt. Auch weitere Spuren (Fotos auf flickr) waren 6 Tage nach dem jüngsten Krawall noch zu finden.

Die daraufhin für den nächsten Samtag (17.9.) angekündigte Party (RTS) am Central wurde aufgrund der großen öffentlichen Aufmerksamkeit und dem "leak" der Ketten-SMS spontan und ohne Vorab-Information der Medienöffentlichkeit auf Freitag (16.9.) vorverlegt (siehe folgender Abschnitt) und erreichte etwa 200 bis 400 Personen. Was dann am Samstag, 17.9., geschah, hatte im Grunde gar nichts mehr mit dem auf den Vortag vorverlegten RTS zu tun. Es kamen nur noch jene, die durch SMS und Medien vom angekündigten Krawall erfahren haben und in der Erwartung eines solchen zum Hauptbahnhof/Central kamen (vgl. auch Tages-Anzeiger, 19.9.: "Sie kamen, um zu prügeln"). Diese Leute werden von Augenzeugen als überwiegend unpolitische Jugendliche beschrieben, die Frust ablassen oder sich mit der Polizei messen wollten. Nun blickt die ganze Stadt gespannt auf morgen Samstag, ob es erneut zu Krawallen kommen wird. Daher noch einmal ein aktualisierter Rückblick auf die Ereignisse der letzten beiden Wochenenden.

die "linke Szene" und die Party

Die sogenannte "linke Szene" hielt sich den Samstags-Krawallen (10.9, 17.9.) überwiegend fern (daher ist es auch überflüssig, den Begriff "linke Szene" konkreter auszudifferenzieren). Sie war lediglich am spontan vorverlegten Freitags-RTS (16.9.) beteiligt, wo es jedoch bis kurz vor Schluss keine Ausschreitungen gab, da von Seiten der Organisatoren (die vermutlich aus der "illegalen Partyszene", die in der Umgebung von Zürich regelmäßig unangemeldete Partys organisiert) und Teilnehmenden kein Interesse daran bestand: die Idee eines RTS ist ja eigentlich, den öffentlichen Raum friedlich durch eine Party "zurückzuerobern". Zu Krawallen kommt es meistens nur dann, wenn die Polizei gewaltsam die Menge aufzulösen versucht. Da die Polizei letzten Freitag die 200 bis 400 Personen am Helvetiaplatz zunächst in Ruhe feiern ließ und auch nicht einschritt, als die Menge Richtung Stauffacher/Langstrasse zog, gab es auch vonseiten der RTS-TeilnehmerInnen keine Aggressionen.

Um auch gegen Ende des RTS die Lage ruhig zu halten, wollten die RTS-Teilnehmenden gegen Mitternacht ein bereits vor einer Weile für mehrere Monate besetztes Haus am Stauffacher erneut (für eine Nacht -> Sauvage) besetzen, das sich bereits aus seiner Besetzungs-Zeit stadtweit einen Ruf als "Party-Location" verschafft hat. Die Polizei - möglicherweise in der Annahme, die Menge wolle in die Innenstadt/Paradeplatz (Sitz der Banken) ziehen - versperrte jedoch die Straße und begann, als die Menge die Sperre über eine Seitenstraße umgehen wollte, mit Gummischrot und Tränengas zu schießen. Die Menge löste sich daraufhin teilweise auf, versammelte sich jedoch neu und zog friedlich zur Langstrasse weiter (alles weitere, siehe letzter Blog-Eintrag).

Hätte man die Jugendlichen ins leerstehende Haus ziehen lassen, um dort abseits der kommerziellen (teurer Eintritt, teure Getränke) und exklusiven (im Sinne von ausschließend --> Türsteher, rassistische und lookistische Türpolitik) Bars und Clubs weiterzufeiern, hätte es wohl auch keine Ausschreitungen gegeben.

mehr Respekt vor der Polizei durch Willkür, Rassismus und Einschüchterung?

Am nächsten Tag (Samstag, 17.9.) gab es dann die Gegendemo zur "Lebensschützer"-Demo christlicher Fundamentalisten, wo es ebenfalls zum Einsatz von Gummischrot und Tränengas gab, was nach Ansicht einiger TeilnehmerInnen vollkommen überzogen und überflüssig war. Die Polizei, angetrieben von ihrer eigenen Unwissenheit darüber, was tatsächlich vorgeht und in dieser Konfusion bestätigt durch verblendende und verhetzende Medienartikel und Politiker-Statements, war wohl bereits zu nervös und unsicher und schritt "präventiv" repressiv ein.

An dieser Stelle muss ausnahmsweise auch mal auf die Gemütslage der PolizistInnen eingegangen werden. Die Stimmung ist wenig überraschend ziemlich unten - von allen Seiten kommt Kritik, die entweder nach mehr Gewalt oder mehr Zurückhaltung ruft. Einen Mittelweg zu finden ist schwierig, zumal in den letzten Monaten und Jahren schon viel Porzellan zerschlagen worden ist. Vor allem die Jugendlichen aus den innerstädtischen ArbeiterInnen-Quartieren links und rechts der Langstraße, die Mehrheit von ihnen mit Migrationshintergrund, nimmt der Polizei die nicht nur rassistischen sondern meist auch willkürlichen und häufig unnötig brutalen Personenkontrollen übel.

Diese Personenkontrollen wurden insbesondere ab 2010 forciert, in einer Aktion namens "Respekt" - womit gemeint war, dass die Jugend mehr Respekt vor der Polizei gewinnen soll (daher wohl auch die Willkürlichkeit und Brutalität, in der Annahme, dadurch Respekt (durch Angst) herstellen zu können). Diese psychologisch in jeder Hinsicht vollkommen widersinnige Annahme konnte nur kontraproduktiven Effekt haben: Es kam bereits 2010 zu einer großen RTS, die die Polizei völlig überraschte und die Bahnhofstraße verwüstete (was nicht unbedingt beabsichtigt war, jedenfalls nicht von jenen, die RTS organisieren und das Soundsystem zur Verfügung stellen). Die Gegend, die unmittelbar an den Hauptbahnhof und seine teueren Büro- und Einkaufsviertel angrenzt, ist zudem seit Jahren Zielgegenstand diverser "Aufwertungs"-Bestrebungen, sprich Gentrifizierung, die auf Kosten (im doppelten Sinn) der bisherigen Bevölkerung geht.

Es zeigte sich jedoch, dass bei der Jugend keineswegs mehr Respekt erzeugt werden konnte, nach heftiger, wochenlanger Kritik durch Medien und Opposition musste die damalige Polizeivorsteherin zurücktreten - sie wurde durch den Grünen Daniel Leupi ersetzt.

Hoffnungen, dass dadurch eine umsichtigere Polizeipolitik zustande kommt, wurden jedoch rasch enttäuscht. Leupi machte zunächst durch verstärkte RadfahrerInnen-Kontrollen auf sich aufmerksam (wohl in jenem opportunistischen Reflex, sich als Grüner nicht als voreingenommen und parteiisch abstempeln zu lassen). Im selben Reflex dürfte auch die Fortführung rassistischer Kontrollen im Dienste der Gentrifizierung im Langstrassen-Quartier erfolgt sein. Zudem fielen in seine Amtszeit die schikanösen Kontrollen von AsylantInnen vor der Autonomen Schule (ASZ), wo BesucherInnen kostenloser Deutschkurse beim Verlassen des Gebäudes abgefangen und teilweise mitgenommen, eingesperrt und abgeschoben wurden. Es wird vermutet, dass sich Teile der Polizei dabei bewusst Anordnungen der Spitze widersetzten, zumal Leupi sich selbst nicht begeistert von derartigen Razzien zeigte.

Dazu muss man auch wissen, dass AsylantInnen in Zürich lediglich mit bescheidenen Migros-Gutscheinen "versorgt" werden, mit denen man weder Busfahren noch sonst irgendetwas machen kann, was es nicht im Migros-Supermarkt gibt. Aus diesem Grund gibt es auch Initiativen, die Migros-Gutscheine gegen Bargeld tauschen und kostenlose Deutschkurse in der ASZ. Diese zivilgesellschaftlichen Initiativen, die im Gegensatz zum Staat auch hilfesuchende Flüchtlinge als Menschen betrachten, wurden vom Staat nicht nur nicht unterstützt sondern durch derartige Polizei-Schikanen auch noch torpediert.

All dies - Polizeiwillkür und -gewalt bei ethnischen Personenkontrollen, Torpedierung zivilen Engagements für stigmatisierte Flüchtlinge, Markierung einer "Law-and-Order"-Politik im öffentlichen Raum und brachiales Durchgreifen bei unangemeldeten Partys, Kundgebungen und Demonstrationen - ist die Grundlage für jenen "mangelnden Respekt", den die Polizei und die Politik nun beklagt, aber genau durch jene "respektfördernden" Maßnahmen erzeugt wurde, wie sie nun im Unwillen zum Erkenntnisgewinn erneut gefordert werden ...

Stadt militärisch besetzen?

Sprichwörtlich den Vogel abgeschossen hat aber die FDP - die Freisinnigen, wie sie sich selbst nennen, oder frei von allen Sinnen, wie wohl die korrektere Ausformulierung ihres Parteikürzels wäre. Diese fantasieren "Londoner Zustände" herbei, weil im Stadtzentrum an zwei Wochenenden in Folge mehrere hundert PolizistInnen und Jugendliche randalierten, und träumen bereits von einer weiteren Eskalation, in der Sorge, dass die Gewaltspirale nachlassen könnte und ihre Forderung nach mehr Polizei und Überwachung dadurch auch weiterhin keine Mehrheit finden kann. Daher ruft die FDP nach dem Ausnahmezustand für Zürich, denn nur in diesem könnte tatsächlich die Schweizer Armee Zürich besetzen, so wie die FDP es wünscht. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, ist zu befürchten, dass sich am kommenden Wochenende FDP-Politiker vermummen und als Provokateure unter die Jugendlichen mischen. Noch wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die FDP für diese "Drecksarbeit" Jugendliche bezahlt, die im Dienste der FDP dafür sorgt, FDP-Forderungen nach Polizei- und Überwachungsstaat und Abschaffung staatlicher Sozialleistungen nach britischem Vorbild zu einer Mehrheit zu verschaffen. Klingt absurd? Ich denke nicht. Wer unter gegenwärtigen Zu- und Umständen ohne jegliche Ursachenforschung begeistert nach einer militärischen Besetzung von Zürich ruft, der muss wohl als geistig eingeschränkt leistungsfähig bezeichnet werden und ergo muss solchen Menschen, die zwanghaft jedes Ereignis ins eigene Weltbild zu pressen versuchen, jede Wahnsinnstat zugetraut werden.

Vom Stolz, vor Krawallen geflüchtete Menschen "erwischt" zu haben

SVP-Stadtpolitiker Mauro Tuena (der Toni Mahdalik von Zürich) ist gegen eine militärische Besetzung ("Nein, nein, nein: Es braucht keine Armee." zitiert ihn Blick am Abend, 22.9.2011, S. 10), denn, so seine Überzeugung: "Die Polizei macht eine ausgezeichnete Arbeit, sonst hätte sie nicht so viele verhaftet."

Diese Aussage ist derart dummdreist, dass man vermuten muss, Tuena wisse um die wahren Umstände der Verhaftungen - im Gegensatz zu den Medienberichten, die unkritisch Polizeiaussagen wiedergeben - Bescheid. Denn von den nach offiziellen Angaben 91 Verhafteten (25 davon unter 18, weitere 3 unter 15 Jahren alt / 76 Schweizer Staatsbürger, insgesamt 3/4 der 91 "Verdächtigen" aus Stadt oder Kanton Zürich) sind vermutlich deutlich mehr als die Hälfte Unschuldige. Sie wurden von der Polizei gegen Ende der letzten Krawallnacht regelrecht eingesammelt, viele sogar mit Gummischrot zusammengetrieben und dann ins Gefängnis verfrachtet. Darunter zum Beispiel sieben Mädchen, die gemeinsam in der Zelle saßen. Vier davon waren eine Gruppe Freundinnen, die gegen 1 Uhr Nacht, als es um das Central (vermeintlich?) bereits ruhig war, ihr Lokal im Niederdorf verlassen haben und nach Hause gehen wollten. Sie wurden von einem Polizeikordon überrascht, der mit großem Abstand offenbar einer Gruppe männlicher Jugendlicher auf den Fersen war - die Mädchen flohen über den Limmatsteg auf den Platzspitz. Dort hatten sich viele Menschen vor den Krawallen zurückgezogen, im Glauben, dort sicher zu sein. Doch wenig später räumte die Polizei den Park und setzte dabei Gummischrot gegen all jene ein, die davon liefen. Also blieben die Mädchen stehen und ließen sich widerstandslos verhaften. Mit ihnen wurden rund 40 weitere Personen verhaftet. Das war die größte Verhaftungs-Welle jener Nacht, auf die rechte Politiker wie Mauro Tuena nun so stolz sind.

Zu Besuch im Mädchenknast - wer Dreads hat, bleibt hier

Die anderen drei Mädchen, mit denen die Freundinnen dann in die Mädchenabteilung eines Gefangenenhauses gebracht wurden, schienen ebenfalls unbeteiligt zu sein. Zwei der Mädchen dürften ebenfalls im Ausgang gewesen sein, eine von ihnen sprach französisch und war offenbar in Zürich zu Besuch. Sie wurde von ihrem Freund getrennt, wusste nicht, was man ihr vorwirft und war ziemlich aufgelöst. Das siebte Mädchen im Mädchenknast zählte zu einer Gruppe "Hippies", die im Platzspitz-Park am chillen waren. Sie hatte Dreadlocks und wurde von der Polizei als erste zum Verhör vorgeladen. Sie dürfte auch das einzige Mädchen gewesen sein, das auch nach 12 Stunden U-Haft nicht freigelassen wurde.

Dieses Vorgehen bei den Mädchen lässt nichts gutes zu den Vorgängen bei den Burschen erahnen. Wer verdächtig aussieht, wird wohl als schuldig befunden. Inwiefern Beweise bei der Verurteilung der Jugendlichen noch eine Rolle spielen, ist fraglich. Laut Medienberichten wurden nach 12 bis 24 Stunden U-Haft 43 Personen wieder entlassen (48 mussten weiter in U-Haft bleiben und wurden von zehn "Sonderstaatsanwälten" verhört), nach zwei Tagen dürften immer noch etwa 20 im Knast gesessen haben. Die Zahl der Anzeigen dürfte aber höher liegen.

das dritte Wochenende

Es kursieren Gerüchte, die auch für diesen Samstag keine friedliche Nacht erahnen lassen. FMO wird versuchen, die Ereignisse dieses Mal aus nächster Nähe zu dokumentieren, wobei das brutale, willkürliche und vor allem rücksichtslose Vorgehen der Polizei auch gegenüber offensichtlich Unbeteiligten zu großer Vorsicht ermahnt. Ohnehin sind unabhängige Blogger/Fotografen/Journalisten bei Polizeiaktionen nicht gern gesehen, anders als in Wien wird die unabhängige Presse hier nicht nur eingeschüchtert und behindert, es wird sogar davor gewarnt, dass die Polizei Kameras beschießt bzw. bei Verhaftung entwendet und "verschwinden" lässt... Mal sehen, was sich tun lässt ...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo,

zwecks Schutz der Kamera mepfehle ich folgendes:
http://de.eye.fi/how-it-works/features/direct-mode

gruss

Anonym hat gesagt…

Sorry, der erste Kommentar ist etwas missglückt:

Ich meinte eigentlich http://de.eye.fi/how-it-works/features/online-sharing, und dass sich die Daten schützen lassen.

In Verbindung mit Tethering (z.B. Kiosk-Android-Handy) eine einfache Methode, auch unbeliebte Fotos veröffentlichen zu können.

Gruss

Anonym hat gesagt…

"Sie war lediglich am spontan vorverlegten Freitags-RTS (16.9.) beteiligt, wo es jedoch bis kurz vor Schluss keine Ausschreitungen gab, da von Seiten der Organisatoren (die vermutlich aus der "illegalen Partyszene", die in der Umgebung von Zürich regelmäßig unangemeldete Partys organisiert) und Teilnehmenden kein Interesse daran bestand: die Idee eines RTS ist ja eigentlich, den öffentlichen Raum friedlich durch eine Party "zurückzuerobern"."
Erstens: Die Leute die teilnehmen wollen anonym bleiben, also schreib hier nicht welche Szene wo teilnimmt. Wir wollen vielleicht nicht wie Ö alles öffentlich haben...
"Um auch gegen Ende des RTS die Lage ruhig zu halten, wollten die RTS-Teilnehmenden gegen Mitternacht ein bereits vor einer Weile für mehrere Monate besetztes Haus am Stauffacher erneut (für eine Nacht -> Sauvage) besetzen, das sich bereits aus seiner Besetzungs-Zeit stadtweit einen Ruf als "Party-Location" verschafft hat."
Schreib sowas nicht. Wenn etwas nicht passiert, geht das die Bullen nix an!!!
Wenn schon mal die Bullen und die Medien kein Durchblick haben wer was wie wo macht, dann hilf bitte nicht dabei, dass sie es verstehen. Denn: Ihre Strategie ist Subjekte zu konstruieren die isolierbar sind.
Und übrigens: Das Konzept RTS ist nicht "ursprünglich friedlich", sondern ein Name mit Bedeutung, der nichts sonst ausschliesst...

Jonas Reis hat gesagt…

sorry, aber das sind nun mal wichtige aspekte, die man meiner meinung nach durchaus erwähnen kann, ohne irgendwen zu ent-anonymisieren. würd ich jetzt noch konkreter auf deine kritik eingehen, dann wär das womöglich tatsächlich noch etwas, was aussenstehende irgendwie falsch deuten könnten - also lass ich das jetzt. aber wenn ich alles weglasse, was nicht eh schon im "Tagi" oder im "Blick" steht, dann könnt ichs gleich bleiben lassen, zu bloggen - ich blogge aber, um zumindest für jene, dies wirklich interessiert, eine alternative zur einseitigen massenmedienberichterstattung zu schaffen. und die bullen wissen sowieso von allen am besten, was wirklich passiert/passiert ist, bloss sagen sies nicht, da das keinen guten eindruck von ihrer arbeit vermitteln würde. diese aufgabe muss daher von anderen wahrgenommen werden, und da hilft es nichts, wenn man dinge, die eine breite öffentlichkeit ohnehin für "gegeben" hält, nicht anspricht und ignoriert - das macht das ganze sonst unglaubwürdig, inklusive jener angaben, die die polizei nicht gut aussehen lassen.

ich achte schon drauf, was ich schreibe, aber ich werde auch weiterhin dazu beitragen, dass leute besser verstehen, was vor sich geht - denn wegen "bullenparanoia" (die haben ganz andere möglichkeiten als meinen blog als quelle zu verwenden) auch jene teile der gesellschaft "dumm" zu halten, die sich für die sache interessieren oder sympathisieren, halte ich für keine gute idee ...

Anonym hat gesagt…

Es ist nicht so das ich deine deinen Blog nicht schätze...
Der erste Absatz bezog sich u.a. auch darauf, dass die Aussage ob Leute von der "linken Szene" iwo waren, niemand wissen kann...
Nicht mal die aus der "linken Szene" selbst. Und das solche Szene-Zuschreibungen problematisch sind, weil so, durch ein und ausschluss, solche Szene-Dingens nur noch verfestigt werden.

Ganz allgemein musst du dir einfach auch bewusst sein, dass blosse Information nichts aussagt. Und auch niemanden zu revolutionärem Handeln bringt.

Dass die Bullen zurzeit eh am meisten Wissen würde ich nicht behaupten... Die Überwachung funktioniert nur solange, wie es sich um die üblichen Verdächtigen handelt, was in letzter Zeit immer weniger so war...

Ganz allgemein geht es darum: Für dich stellt sich die ganze Welt scheinbar nur so dar, als wäre alles Information, die veröffentlicht werden kann, solange nicht Leute gefährdet werden. Für mich stellt sich das ganze aber eher so dar, das zuerst die Autonomie über die Information in den Händen der jeweiligen beteiligten liegen soll. Und diese haben bisher kein Interesse gezeigt, so ausschweifend Dinge öffentlich zu machen. Weil die Anonymität, die Nicht-Öffentlichkeit, zurzeit eine der grössten Stärken ist. Denn auch gegenüber der spektakulären Öffentlichkeit wollen wir autonom sein, und solange die offiziellen Medien nur verwirrte Propaganda schreiben und nichts verstehen, ist wenigstens denen, die da waren ihre gedankliche Autonomie gegeben, weil die offiziellen Medien offensichtlich nur Scheiss schreiben. Eine Gegen-Öffentlichkeit ist gut, aber es sollte überlegt werden, dass diese nicht zu Journalismus wird, sondern zu einer Öffentlichkeit von einer Bewegung für eine Bewegung.
Das was du publizierst spricht aber aus einer Objektivität, die sich vom ganzen irgendwie distanziert, und irgendwie unter Gegen-Öffentlichkeit einfach versteht, dass die Medien "die Wahrheit" erzählen.
Nur, die ganze "illegale Party-Szene" hat komischerweise schon immer einen Scheiss darauf gegeben, in den offiziellen Medien zu kommen. Und das bewusst.
Weil, sonst kommen die Politiker, die Sozialarbeiter, etc, und wollen das Thema rekuperieren, uns einbinden, und vor allem: Eine Trennung zwischen legalem und illegalem machen.
Deshalb ist es manchmal gescheiter, die Medien labern zu lassen, und Gegen-Information nicht an die falschen zu bringen.
Weil, wenn etwas mal von "öffentlichem Interesse" ist, kommen die Eltern, die Sozis, die SIP, und alle anderen, um "das Problem" (was in ihren Augen "die Illegalität", "die Krawalle", etc ist) zu lösen.
Es geht um Freiraum, und zwar gegenüber den Medien, gegenüber der seriösen Meinung, gegenüber der Legalität...
Es geht nicht darum wer angefangen hat, und es geht nicht darum, ob die Bullen rechtlich handeln. Es schockiert auch keinen, dass sie "Unschuldige" festnehmen...

Anonym hat gesagt…

PS: Dein Blog wurde zB vom Tagesanzeiger zitiert, der "der Öffentlichkeit" so nochmehr Einblick in die "Szene" geben konnte, und somit noch klarer ein Subjekt konstruieren konnte, und vor allem "der Gesellschaft" aufzeigt, wie die Jugend, von solchen Dingen abgehalten werden kann.
Information ist eine Waffe. Auf beiden Seiten. "Die Wahrheit" ist die Illusion, das Information etwas neutrales ist.
Es gilt, sich auf eine Seite zu stellen, und die Infos im richtige Moment zu streuen oder zurückzuhalten. Und dies wissen am besten die Leute vor Ort, und nicht Leute die ab und an dahin kommen. Denn, alles ist situativ...

Jonas Reis hat gesagt…

ich weiß genau was du meinst. du hast recht, dass zuschreibungen wie "teilweise aus der linken szene" sinnlose information ist, weil "teilweise" waren sicher auch angehende kindergartenpädagogInnen oder medizin-studentInnen da - ich habe es aber deswegen erwähnt, um zu unterstreichen, dass dies am central und bellevue nicht so war. und dass am helvetiaplatz ein anderes milieu versammelt war, war sowohl polizei und medien genau so klar wie auch der umstand, dass die lebensschützer-demo-krawalle nix mit central & bellevue zu tun hatten - that's all, ein kleiner derart unkonkreter fetzen information, der den mainstream weder bestätigt noch widerlegt.

und was die autonomie der information betrifft: da bin ich eigentlich auch ganz auf deiner seite: wenn die handelnden personen - wer auch immer sie sind und aus welchem grund und in welchem zusammenhang sie handeln - keine eigenen aussendungen oder angaben zu den krawallen machen (wobei sich ja trotzdem leute fürs interview mit 20minuten finden, fragt sich nur, wer die ausgewählt hat, was man sie gefragt hat und welche antworten publiziert wurden - da liegt die autonomie sicher nicht beim interviewten, ist also auch nicht wirklich autonom entschiedene informationspreisgabe und letztlich (vermutlich) eine individuelle entscheidung und keine kollektive (die es ohnehin nicht geben kann)) - also wenn die handelnden personen (bestimmte) informationen nicht preis geben, dann sollte dies ein "medium" (respektive blogger, der sich als teil "zur herstellung einer gegenöffentlichkeit" versteht) wie ich das respektieren und entsprechend darauf rücksicht nehmen.

deiner meinung nach tue ich das nicht oder nicht ausreichend. was den anfangs erwähnten punkt "teilweile linke szene ..." betrifft, geb ich dir dabei ja auch recht. und wie mir ohnehin klar ist - und in persönlichen gesprächen auch immer wieder angesprochen wurde - ist das schreiben über derartige ereignisse mit insiderinformationen eine gratwanderung. aber ich denke, diese herausforderung sollte man annehmen, wenn man sich ihr gewachsen fühlt - und klar geht man dabei auch das risiko ein, manchmal leute vor den kopf zu stoßen oder unerwünschte nebenwirkungen (siehe tagi) zu erreichen. dieses risiko sollte man natürlich möglichst klein halten, das geschieht dadurch, dass man sich sehr gut überlegt, WAS man WIE schreibt und was NICHT. und ja, "gegenöffentlichkeit" bedeutet für mich nicht gegenpropaganda. bei aller rücksichtnahme auf berechtigte interessen zum schutz der handelnden personen, über die man ja berichtet und sie quasi der öffentlichkeit "ausliefert" (was man aber nur tut, da diese schutzbedürftige gruppe zuvor von der mainstream-öffentlichkeit grob betrogen und als billige skandal-story verkauft wurde - sonst würde ich mich ja lieber bequem in den sessel lehnen und mir genüsslich die hochintelligenten kommentare der soziologisch fachkundigen chronik-journalisten und stellungnahmen namhafter systemkritiker reinziehen) - aber die basis eines jeden artikels/blogs/kommentar/aufruf zur revolution - egal was - muss die wahrheit sein. ein stückchen wahrheit nicht zu erwähnen ist nicht gelogen - hier ist wohl der punkt, an dem wir uns einig werden ;)

und wie gesagt, ich möchte jetzt echt nicht in aller öffentlichkeit ausbreiten, woher ich meine informationen habe, durch wen sie authorisiert/legitimiert sind (es können sowieso immer nur individuen sein - stellvertretend für alle kann sowieso gar nix "authorisiert" (wohl ein blödes wort im antiautoritären zusammenhang, aber was solls ^^) werden, genau so wenig wie du die wünsche oder bedenken einer undefinierten "gruppe"/menge/masse oder auch szene "vertreten" kannst - ich kann dich auch nur als einzelperson wahrnehmen und respektieren, dass du nicht ganz einverstanden bist und den eindruck hast, dass das andere ähnlich sehen - und das tu ich auch, so gut es mir möglich ist.

...

Jonas Reis hat gesagt…

...
"Es gilt, sich auf eine Seite zu stellen, und die Infos im richtige Moment zu streuen oder zurückzuhalten. Und dies wissen am besten die Leute vor Ort, und nicht Leute die ab und an dahin kommen. Denn, alles ist situativ" - volle zustimmung. das tu ich auch, bloß weisst du eben nicht, welche informationen ich zurückhalte ;)

und warum du dann diesen eindruck hattest? ja: ich war an den beiden krawall-wochenenden nicht in zürich und hatte nur schriftlich und telefonisch kontakt mit anwesenden, die mir glaubhaft erzählt haben, was da abging. klar fehlten da gewisse aspekte, die ich jetzt besser weiß (und (noch) nicht nachgetragen habe - u.a. aus dem grund, da sich fragt, wie interessant oder "hilfreich" es jetzt noch ist, konkret die wahren umstände, wie es am bellevue zur eskalation kam, zu beschreiben - angesichts der oben von dir zitierten "richtlinie" ;)) - aber normalerweise schreib ich nur über etwas, das ich hautnah miterlebt habe und nach abklärung mit den personen vor ort, was "geht" und was nicht - genau so wie ich beim fotografieren keine gesichter (mehr) ablichte, und wenn, dann nur authorisiert.

das war jetzt ein bisserl lang, aber ich glaub ich bin auf alles eingegangen? ich hoffe die antwort ist ausreichend - detaillierter kann ich aus nachvollziehbaren gründen nicht darauf eingehen, was ich hier nicht geschrieben habe ;) - ich kann dir nur versichern, dass informantInnen- und zeugenschutz hier sehr groß geschrieben wird und nichts veröffentlicht wird, was der polizei in die hände spielen könnte - mal abgesehen von dem, was bereits jemand publiziert hat und davon, dass für die ahnungslosen hühner von polizei & wie man sieht auch medien auch eine möglichst wahrheitsgetreue schilderung der ereignisse schon ein korn ist. im zweifelsfall muss das - so wie jetzt - natürlich abgeklärt werden, ob begriffe wie "linke" oder die erwähnung einer versuchten hausbesetzung (womit ich auf die friedlichkeit- und party-orientiertheit des RTS hinweisen wollte, der eben Freiräume beanspruchen und nicht Krawalle anzetteln wollte - an und für sich ja nicht gerade das schlechteste, womit man eine "teilweise anwesende linke szene" verbinden könnte) bereits zu viel des "guten" (information?) sind ...

Jonas Reis hat gesagt…

und ja, das mit dem tagi-zitat war erstaunlich, aber auch nicht ganz überraschend - daher hab ich die quelle des zitats auch nicht näher benannt. das ganze war übrigens ein nicht ganz ernst gemeinter insider-joke, ich könnte jetzt sogar behaupten, dass es das zitat gar nicht gibt, nur um den tagi zu ärgern ;)

aber der artikel mit dem zitat ist nicht online - woher es stammt, wird für immer ein rätsel bleiben - inwiefern sollte es irgendeinen brauchbaren hinweis für die polizei ergeben, außer, dass hier vielleicht nicht ganz fälschlicherweise die bereitschaft oder sympathie mancher, aktiv widerstand betreiben zu wollen, erwähnt wird? ;) das wissen "die" und/oder das sollen sie auch wissen - insofern ist man zwar nicht grad begeistert davon, dass das zitat so große kreise gezogen hat (bin ich auch nicht wirklich), aber man nimmts auch mit humor ^^

Jonas Reis hat gesagt…

aber der artikel mit dem zitat ist nicht online - woher es stammt, wird für immer ein rätsel bleiben - inwiefern sollte es irgendeinen brauchbaren hinweis für die polizei ergeben, außer, dass hier vielleicht nicht ganz fälschlicherweise die bereitschaft oder sympathie mancher, aktiv widerstand betreiben zu wollen, erwähnt wird? ;) das wissen "die" und/oder das sollen sie auch wissen - insofern ist man zwar nicht grad begeistert davon, dass das zitat so große kreise gezogen hat (bin ich auch nicht wirklich), aber man nimmts auch mit humor ^^

Anonym hat gesagt…

Gratwanderung trifft's gut.
Und schlussendlich ist liegt's vielleicht daran, dass ich einige Dinge anders darstellen würde, weil ich vielleicht einiges anderes positiv und negativ bewerte.
Ich denke, was in Zürich eben die wenigsten machen ist sich verteidigen. Im Sinne von eine legitimität für sich selbst zu propagieren, bzw diese von den Medien anerkennen zu lassen.
Weil das oft verschwendete Anstrengung ist oder sogar zu einer schwächenden Selbstkritk wird (im Sinne von, wir müssen das nächste mal Forderungen haben, oder so)...
Aber eben, das ist ansichtssache.
Und eigentlich sollte ich dir da auch nicht dreinreden.
Meine Kommentare sind vielleicht auch sowas wie eine Rückmeldung von Leuten in ZH die du wahrscheinlich nicht kennst.
Der Artikel mit dem Zitat haben Tausende Zürcher bekommen. Klar hast du sowas nicht erwartet, und es ist jetzt auch schon zu spät, darüber noch rumzuheulen.
Allerdings ist es so dass die betreffende "Publikation der autonomen Szene" bewusst nicht im Internet zu finden ist. Ob die jeweiligen Beiträge in's Netz sollen oder nicht, sollten die jeweiligen Autoren entscheiden können und ich weiss nicht ob dass der Fall war. Dabei geht es nicht um Copy-Right, sondern um Selbst-Schutz...
Nur so für ein anderes Mal...
Gegen-Öffentlichkeit ist natürlich nicht nur Propaganda (kann sie, aber in neutralem Sinn schon beinhalten), ich denke, du machst das eigentlich auch ganz gut (trotz aller, ich nenn sie mal politischen Differenzen)...
Zumindest musst du dir bewusst sein, das die "Züri-Szene" teilweise ziemlich plenibel ist in solchen Sachen, ich bin da auch keineswegs extremer als andere... Was auch mit ein Grund meiner Kommentare war, weil ich da nicht allein stehe mit dieser Position...
Also eben, frag vielleicht Autoren von nicht-Internet-Sachen persönlich ob sie das wollen, und geh auch auf Leute zu die du nicht so gut kennst, und frag die zu Sachen wie zB Stauffacher. So quasi ne Quote aufnehmen...

Schönen Gruss noch

 
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